Nicht-englische Patent-PDFs effizient lesen: Leitfaden zu INID-Codes, Patentansprüchen und Zeichnungsabgleich
EqualangKurz gesagt
Für F&E-Ingenieure und IP-Experten: WIPO-INID-Codes auf dem Deckblatt, Schriftenartencodes (A/B/U), Analyse komplexer Patentansprüche und layoutgetreue Übersetzung im Praxistest.
Schlagwörter: Patentrecherche, Nicht-englische Patente, WIPO-INID-Codes, Patentansprüche analysieren, Layoutgetreue Dokumentenübersetzung

Bei der Recherche zum Stand der Technik (Prior Art Search), bei Patentverletzungsprüfungen oder im Rahmen von Freedom-to-Operate-Analysen (FTO) stehen Entwicklungsingenieure und IP-Fachleute regelmäßig vor einer Hürde: In Datenbanken wie Espacenet des Europäischen Patentamts (EPA), J-PlatPat des japanischen Patentamts (JPO) oder KIPRIS des koreanischen Amts für geistiges Eigentum (KIPO) stoßen sie auf hochrelevante Dokumente – doch das Suchergebnis ist ein Dutzende Seiten langes Original-PDF auf Japanisch, Koreanisch oder Deutsch.
Patentdokumente besitzen eine ausgeprägt formelhafte, doppelte Natur aus Recht und Technik: Das Deckblatt ist voller standardisierter Kennziffern, die Patentansprüche (Claims) sind aus rechtlichen Gründen oft als einzige, hochkomplexe Schachtelsätze formuliert, und die technischen Merkmale in der Beschreibung verweisen fortlaufend auf Bezugszeichen (wie etwa erste Drehachse (102a)). Letztere müssen unmittelbar mit den Konstruktionszeichnungen und Toleranztabellen am Dokumentenende abgeglichen werden.
Um die Effizienz beim Erstsichten und der Tiefenprüfung nicht-englischer Patentschriften zu steigern, fasst dieser Leitfaden die universellen WIPO-INID-Codes des Deckblatts, die länder- und behördenspezifischen Schriftenartencodes (zur Unterscheidung zwischen Offenlegung und erteiltem Patent), bewährte Methoden zur Zerlegung komplexer Satzstrukturen sowie einen layoutgetreuen Workflow zum Zeichnungsabgleich zusammen.
1. Das Patent-Deckblatt in zehn Sekunden verstehen: WIPO-Standard ST.9 (INID-Codes)
Ganz gleich, ob Sie eine Veröffentlichung des japanischen, deutschen oder koreanischen Patentamts oder des Europäischen Patentamts vor sich haben: Vor fast jedem bibliografischen Datenfeld auf dem Deckblatt steht eine Zahl in runden Klammern. Dabei handelt es sich um die INID-Codes (Internationally agreed Numbers for the Identification of Data) nach dem WIPO-Standard ST.9. Wenn Sie die folgenden zwölf Schlüsselcodes kennen, erfassen Sie den rechtlichen und technischen Status eines Dokuments innerhalb weniger Sekunden:
2. Offenlegungsschrift vs. Patentschrift: Schriftenartencodes nach WIPO ST.16
In der Praxis unterliegt manchem Einsteiger der Irrtum, jedes Dokument mit dem Schriftzug „特許公報“ (Patentblatt) als rechtskräftiges Verbotsrecht einzustufen. Der WIPO-Standard ST.16 definiert jedoch über den nachgestellten Buchstabencode (Kind Code) verbindlich die Rechtswirkung und unterscheidet streng zwischen der Offenlegungsphase (A) und dem bereits erteilten Patent (B):
3. Japanische und deutsche Patentansprüche strukturiert zerlegen
Die Patentansprüche (Claims) bilden das rechtliche Fundament für den Schutzbereich eines Patents. Um den gesetzlichen Bestimmtheitsanforderungen zu genügen, verfassen Patentanwälte diese meist als einteilige, hochgradig verschachtelte Mammutsätze. Wer die logischen Schnittstellen kennt, kann selbst komplexeste Satzkonstruktionen zielsicher analysieren:
3.1 Der Aufbau eines unabhängigen Anspruchs (Hauptanspruch)
Ein klassischer Hauptanspruch besteht aus dem Oberbegriff (technischer Gegenstand und bekannte Merkmale), dem Übergangswort sowie dem kennzeichnenden Teil (die eigentliche Neuerung):
Besonderheit des Japanischen: Während im Deutschen und Englischen die Bezeichnung des Gegenstands meist am Satzanfang steht („Vorrichtung zur..., dadurch gekennzeichnet, dass...“), steht das Substantiv des Schutzgegenstands im Japanischen typischerweise ganz am Ende des Anspruchs. Unser Tipp für japanische Ansprüche: Lesen Sie zuerst die letzten Wörter vor dem Satzpunkt, um sofort festzustellen, ob eine Vorrichtung (装置), ein Verfahren (方法) oder ein Computerprogramm (プログラム) beansprucht wird.
3.2 Die Hierarchie abhängiger Ansprüche (Unteransprüche)
Anhand standardisierter Einleitungsformeln lässt sich der Anspruchsbaum (Claim Tree) rasch rekonstruieren:
- Japanisch:
請求項1に記載の[主題]において、さらに…(„[Gegenstand] nach Anspruch 1, ferner umfassend...“) oder請求項1~3のいずれか1項に記載の…(„... nach einem der Ansprüche 1 bis 3“). - Deutsch:
[Vorrichtung] nach Anspruch 1, dadurch gekennzeichnet, dass...oder[Verfahren] nach einem der vorhergehenden Ansprüche....
4. Layouttreue und Bezugszeichen: Workflow für die Detailanalyse nicht-englischer Patente
Liegt eine mehrseitige Patentschrift auf Japanisch oder Koreanisch als PDF vor, scheitert das schnelle Verständnis selten an einzelnen Fachbegriffen. Die eigentliche Hürde ist das Format: Textblöcke über mehrere Spalten hinweg, Satzabbrüche an Seitenumbrüchen oder Bezugszeichen (wie 102a), die in reinen Textübersetzern isoliert ohne Bezug zur Zeichnung dastehen.
In der Recherche- und FTO-Praxis muss ein praxistauglicher Workflow daher drei zentrale Layout-Probleme lösen:
- Zweispaltiger Satz und seitenübergreifende Schachtelsätze: Nahezu alle Patentämter (JPO, DPMA, EPA) drucken ihre Schriften in kompaktem, zweispaltigem Layout. Beim simplen Kopieren von Text geraten Spalten durcheinander oder Sätze reißen am Seitenumbruch ab. Eine professionelle Dokumentenübersetzung mit nativer Layouterkennung führt getrennte Satzteile vor der Übersetzung wieder zusammen, sodass die logische Verknüpfung der Merkmale intakt bleibt.
- Erhalt von Tabellengittern und Formeln in Ausführungsbeispielen: Insbesondere in der Chemie, Materialwissenschaft und Elektronik wimmelt es von tabellarischen Messreihen und Reaktionsschemata. Wenn das Tabellengerüst exakt erhalten bleibt, geraten Messwerte und Spaltenüberschriften nicht durcheinander.
- Konstruktionshinweise und Toleranzen direkt am Zeichnungsdetail: In den Patentzeichnungen (Brief Description of Drawings) und technischen Plänen müssen Maßangaben, Toleranzen und Bearbeitungshinweise exakt an den jeweiligen Hinweislinien verbleiben.
Die folgende Gegenüberstellung zeigt eine öffentlich zugängliche Maschinenbauzeichnung (Applied Kinetics) vor und nach einer layoutgetreuen Übersetzung:
Im Test bleiben das Layout der beiden isometrischen Ansichten, die Stückliste (BOM) oben rechts sowie das Schriftfeld unten rechts in ihrer ursprünglichen Layoutstruktur erhalten, was den Aufwand für das ständige Hin- und Herspringen zwischen Text und Grafik erheblich reduziert.
5. Empfehlungen für Detailanalyse und rechtliche Belastbarkeit
Maschinelle Übersetzung und layoutgetreue Aufbereitung steigern den Durchsatz bei der Erstprüfung und Patentrecherche erheblich. Sobald jedoch ein formelles FTO-Gutachten oder eine verbindliche rechtliche Stellungnahme erstellt wird, sollten folgende Grundsätze beachtet werden:
- Prüfung im Split-Screen-Verfahren: Öffnen Sie auf einem Bildschirm die Arbeitsübersetzung für das zügige Erfassen der Zusammenhänge, auf dem zweiten das amtliche Original-PDF. Bei entscheidenden Anspruchsmerkmalen (etwa
Vorsprung (14)oderVentilsitz (22)) empfiehlt sich stets der direkte Blick auf die Bezugszeichen in der Originalzeichnung. - Satzbild und Textausdehnung berücksichtigen: Unterschiedliche Sprachen weisen unterschiedliche Wortlängen auf. Kleinere Zeilenumbrüche oder angepasste Schriftgrade sind technisch bedingt unvermeidbar; entscheidend ist die korrekte Zuordnung von Absätzen, Tabellenzellen und Beschriftungen.
- Kritische Begrenzungen immer im Originaltext prüfen: Der Schutzbereich hängt oft an einzelnen Signalwörtern. Im Japanischen etwa grenzen Wendungen wie „実質的に“ (im Wesentlichen), „以上 / 以下“ (einschließlich des Grenzwertes) oder „超える / 未満“ (ausschließlich des Grenzwertes) den Bereich strikt ab. Im Deutschen steuern Ausdrücke wie „mindestens“ oder „insbesondere“ (letzteres leitet in der Regel nicht einschränkende Ausführungsbeispiele ein) die Tragweite. Solche Schlüsselbegriffe sollten stets im Originalwortlaut gegengeprüft werden.
- Rechtsstand und Prüfungsakte verifizieren: Treffen Sie niemals FTO-Entscheidungen allein auf Basis einer Offenlegungsschrift. Prüfen Sie anhand des Dokumentencodes (A vs. B) den aktuellen Verfahrensstand in der amtlichen Prüfungsakte (File Wrapper) sowie die Bezahlung der Jahresgebühren.
Wer die zentralen WIPO-Standards beherrscht, Patentansprüche strukturiert zerlegt und auf layoutgetreue Hilfsmittel setzt, führt die Erstsichtung und die Lokalisierung technischer Merkmale bei komplexen nicht-englischen Patenten deutlich effizienter durch.
Die Übersetzungsbeispiele in diesem Artikel wurden mit Equalang erstellt.
Quellen und weiterführende Referenzen
- WIPO — Standard ST.9: Bibliographic Data on and relating to Patents (INID Codes): https://www.wipo.int/standards/en/pdf/03-09-01.pdf
- WIPO — Standard ST.16: Identification of Different Kinds of Patent Documents: https://www.wipo.int/standards/en/pdf/03-16-01.pdf
- Japanisches Patentamt (JPO) / INPIT — J-PlatPat: Leitfaden zur Nummernsuche und Einsicht in Patentblätter: https://www.j-platpat.inpit.go.jp/
- Europäisches Patentamt (EPA) — Espacenet Kind Codes Guide: https://www.epo.org/en/searching-for-patents/helpful-resources/first-time-here/kind-codes
- Applied Kinetics — Öffentlich zugängliche Maschinenbauzeichnung (M0003.pdf): https://www.appliedkinetics.ca/wp-content/uploads/2018/01/m0003.pdf

